Herold der Digitalen Post.

 

Wiener Zeitung: Herr Schneider, wenn wir dieses Interview im Jahr 2020 führen würden, was könnten Sie mir erzählen, wenn ich Sie frage, wie viele elektronische Briefe sie jährlich zustellen?

 

Josef Schneider: Prognostik über fünf Jahre hinaus ist irgendwie unseriös. Bleiben wir im Horizont der Business-Pläne, also der nächsten fünf Jahre: Wir wollen einen Anteil von 35 bis 40 Prozent aller Briefe elektronisch zuzustellen.*

 

Sie behaupten, dass die elektronische Briefzustellung das Leben aller Österreicher verbessern könnte. Wie kommen Sie darauf?

 

 

Wir versuchen, einen authentifizierten elektronischen Dialog zu etablieren. Es muss heute auf elektronischem Weg einfach möglich sein, ohne Medienbruch zum Beispiel mit einem Einspruch auf ein behördliches Schreiben zu reagieren oder eine digitale Unterschrift unter einen Bausparvertrag zu setzen, der ebenfalls über das Internet zugestellt worden ist. So kann man nicht nur Zeit sparen, sondern auch Geld – und Nerven. Verfahren können drastisch verkürzt und vereinfacht werden.

 

Wie viel Geld könnte zum Beispiel der Staat sparen?

92 Prozent Kostenreduktion sind theoretisch möglich. Umgelegt auf das gesamte Brief-Potential wären das 750 Millionen Euro im Jahr, die von der gesamten Verwaltung für Briefsendungen ausgegeben werden. Das ist das Gesamtpotenial, auf die Verwaltung entfallen rund 190 Millionen Euro Porto-Ersparnis.

 

Haben Sie eigentlich viele Freunde bei der Post?

 

Das wird natürlich auch ganz abgesehen von meinen bescheidenen Bemühungen ein Riesenthema für die Post. Auch die Post muss einen Teil ihres Angebots in Richtung elektronische Services umlagern, und sie wird sicherlich Lösungen finden.

 

Wie viele Briefe verschicken Sie jetzt schon?

 

Pro Monat rund eine dreiviertel Million, Tendenz steigend. Wenn alle unsere Kunden, die ja nur einen Teil ihrer Aussendungen über uns abwickeln, ihre komplette Post über unser System verschicken würden, dann hätten wir schon jetzt 30 Millionen Sendungen pro Jahr.

 

Wie funktioniert ihr System?

 

Wir bieten Versendern die Möglichkeit, mit unserem Send Station Pro genannten System Briefsendungen dual zuzustellen. Das Spektrum reicht dabei vom normalen 50-Cent-Brief bis zum Einschreiben. Wir fragen zunächst ab, ob sich die Empfänger des Schreibens für elektronische Zustellung registriert haben - diese Empfänger bekommen eine Email. Sind sie nicht in unserer Datenbank registriert, dann wird die Sendung von uns gedruckt, kuvertiert und ganz normal mit der Post zugestellt. Da profitieren auch kleinere Versender, weil sie die Preise von Massenversendern zugestanden bekommen. Und das Drucken und Kuvertieren erspart man sich auch. In Gemeindeverwaltungen sind oft drei, vier Leute tagelang damit beschäftigt, etwa eine Quartalsvorschreibung auszuschicken.

 

Wenn ich Empfänger elektronischer Post werden möchte, muss ich mich bei ihnen registrieren.

 

Ja, auf http://www.meinbrief.at. Dort bekommen sie kostenlos ein elektronisches Postfach. Sie brauchen dafür allerdings eine elektronische Signatur, wie sie sich auf E-Card, Bankomat- oder anderen signaturfähigen Karten befindet. Es muss einfach sicher gestellt sein, dass sie der sind, der sie vorgeben zu sein. Nur damit können sie rechtsgültig den Empfang eines Einschreibens in ihrem elektronischen Postfach quittieren. In selben Moment geht dann auch der elektronische Rückschein wieder an den Absender zurück. Wenn Sie die Rolle wechseln und Versender werden möchten, ist auch das auf meinbrief.at möglich - allerdings nicht mehr kostenlos. Die Briefe, die Sie so verschicken, kosten allerdings nur ungefähr ein Drittel dessen, was Sie für eine vergleichbare Sendung bei der Post zahlen. Werbung verschicken wir allerdings nicht, das lehnen wir ab. Wir bieten ein sicheres, spamfreies elektronisches Postfach für qualifizierte Dokumente an.

 

Muss ich als Kunde da regelmäßig nachschauen?

 

Wenn der Versender ein Dokument an sie verschickt, bekommen sie eine elektronische Verständigung an die Adressen, die sie bekannt gegeben haben. Wenn Sie nichts unternehmen, bekommen Sie 24 Stunden später noch einmal eine Verständigung. Die dritte Verständigung erfolgt per Postkarte. Sie soll sie daran erinnern, in ihrem Postfach auf meinbrief.at nachzusehen.

 

Nutzen schon alle Behörden ihr System?

 

Noch nicht, Sie bekommen nur die behördlichen Schreiben jener Versender, die bei uns im System sind. Das sind aber mittlerweile auch schon sechs von neun Bundesländern, die Bezirkshauptmannschaften dieser Länder und eine ganze Reihe von Gemeinden. Zuletzt haben wir etwa einen Rahmenvertrag mit allen 130 Kärntner Gemeinden abgeschlossen. In Wien sind die MA 2 und die MA 63 bei uns vertreten. Bis Ende des Jahres wollen wir alle magistratischen Bezirksämter in das System integrieren. Auch Behörden und Institutionen wie AGES, die österreichische Gesundheits-Agentur, oder die Wirtschaftskammer Oberösterreich sind dabei. Die Raiffeisen-Landesbanken zählen wir ebenfalls zu unseren Kunden. Und das Bundeskanzleramt.

 

Welche Bundesländer zieren sich, und warum?

 

Das sind Tirol, Steiermark und Oberösterreich. In Tirol werden gerade IT-Systeme umgestellt, wenn das abgeschlossen ist, wird es unser Angebot auch dort geben. Die Steirer entwickeln eine eigene Lösung, die Oberösterreicher denken ebenfalls an ein eigenes Konzept.

 

Werden Sie grundsätzlich mit offenen Armen empfangen, oder hat ihr Business auch missionarische Züge?

 

Natürlich bedeutet so eine Umstellung auch einen Kulturwandel. Die Dokumente und Bescheide, die bis jetzt gedruckt worden sind, waren Papier, das man in die Hand nehmen konnte - und musste. Jetzt geht das alles auf Knopfdruck, und die Bearbeitung ist erledigt. Daran muss man sich erst gewöhnen. Wir sind immer gut damit gefahren, das System langsam einzuführen: Wir haben etwa mit einer Bezirkshauptmannschaft begonnen, Anonymverfügungen auszuschicken, und erst nach diesem Probelauf wurde das System auf alle anderen Bezirkshauptmannschaften ausgerollt. Genau so ist es auch in Wien geplant.

 

Allerdings scheint mir die Aussicht auf eine treffsicher zugestellte Anonymverfügung aus Empfängersicht kein großer Antrieb zu sein, sich auf meinbrief.at registrieren zu lassen...

 

Sie können auch das Beispiel Wohnbauförderung verwenden, das ist nur eines von vielen positiven Beispielen!

 

Könnte die kommende Signaturpflicht den Kulturwandel beflügeln?

 

Ab 1. Jänner 2011 besteht für Behörden die Verpflichtung, alle Erledigungen im Sinne des allgemeinen Verwaltungsgesetzes elektronisch zu signieren. Wir haben von Anfang an ein Amtssignatur-Service implementiert. Natürlich gibt es auch Diskussionen, was alles als Erledigung gilt. Wir sagen, es ist mit unserer Lösung problemlos möglich, einfach alle Dokumente elektronisch zu signieren. Die einzelne Signatur kostet mit unserer "Sign Station" herunterrechnet weniger als 2 Cent. Das Zertifikat des Versenders ist bei uns im System hinterlegt. Das Service kann in eine Web-Oberfläche, in ein Webservice, aber auch in einen Server integriert werden. Der Gedanke liegt dann nah, dass ich das signierte Dokument auch gleich elektronisch zustellen kann - durch ein simples Upgrade von der Sign- zur Send Station Pro.

 

Josef Schneider, Jahrgang 1966, begann seine Berufslaufbahn bei der Generali-Versicherung, später stieß er zur Post, wo er sich unter anderem mit Konzepten der elektronischen Briefzustellung beschäftigte. Allerdings war die Zeit damals noch nicht reif, um diese Lösung im Traditionsunternehmen Post umzusetzen. Bei einem e-Government-Lehrgang 2003 in der Donauuniversität Krems fiel Schneider auf, dass sich seine Manager-Kollegen in Wirtschaft und Verwaltung sehr für dieses Thema interessierten. 2004 verließ er die Post und gründete die HPC Duale Zustellsysteme gemeisam mit der HPC. Das Unternehmen beschäftigt 50 Mitarbeiter, 30 davon sind Programmierer

Das Interview führte Franz Zauner / WZ Online.